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BAYERNS PFERDE 05.02.2024
Es ist schon fast eine Tradition: Zu Jahresbeginn besucht Oliver Oelrich die bayerische Dressurjugend und gibt ihnen passend zum Saisonbeginn den letzten Feinschliff. Die Trainingseinheiten mit dem ehemaligen Honorartrainer für das Deutsche Olympische Komitee für Reiterei (DOKR), Trainer etlicher Medaillenträger bei Deutschen Meisterschaften und Europameisterschaften sowie aktuell Nationaltrainer der Schweizer Dressurreiter sind jedes Mal aufs Neue ein echtes Highlight. Und wie es die Tradition vermag, kennt Oliver Oelrich den bayerischen Nachwuchs mittlerweile sehr gut. Wir haben uns mit Oliver Oelrich über seine Eindrücke vom bayerischen Nachwuchs, seine Arbeit mit Nachwuchsreitern und die aktuellen Herausforderungen im Dressursport unterhalten.
Herr Oelrich, Sie besuchen den bayerischen Dressurnachwuchs jedes Jahr. Wie war Ihr Eindruck in diesem Jahr?
Insgesamt hat sich der bayerische Nachwuchs wirklich gut entwickelt. Man muss sagen, dass die Zusammenarbeit zwischen den Stützpunkttrainern und den Heimtrainern wirklich gut ist. Insgesamt finde ich, dass eine positive Grundstimmung herrscht. Das hat sich über die Jahre unheimlich entwickelt. An den sportlichen Ergebnissen sieht man auch, dass die bayerische Dressurjugend noch einmal einen deutlichen Schritt nach vorne gemacht hat. Auch im letzten Jahr waren Bayern mit mehreren Teilnehmern bei den Europameisterschaften vertreten und dort wirklich erfolgreich unterwegs. Die kontinuierliche Arbeit wurde gut fortgesetzt, von daher ist das auf einem guten Weg.
Sie haben die Nachwuchs-Europameisterschaften im vergangenen Jahr selbst angesprochen. Verfolgen Sie die bayerischen Nachwuchsreiter übers Jahr hinweg und waren Sie im letzten Jahr von den Erfolgen überrascht?
Natürlich verfolge ich das. Wenn ich sie im Frühjahr zum Lehrgang habe und bei dem ein oder anderen so eine Idee habe, wo das mal hingehen könnte, dann spreche ich das auch direkt an und verfolge es natürlich über die Saison. Ein Beispiel hierfür ist oder war Josephine Ruppert. Ich hatte sie schon beim vergangenen Lehrgang erkannt. Ihre Stute geht sehr sicher mit einer konstant guten Anlehnung. Mich hat es sehr gefreut, dass das dann auch in der vergangenen Saison bestätigt und so belohnt wurde. Ich verfolge die bayerischen Nachwuchsreiter selbstverständlich und das macht auch sehr viel Spaß. Die Erfolge waren für mich nicht ganz so überraschend. Ich habe viele Jugendliche im Training und dadurch auch ein relativ guten (internationalen) Überblick und daher war für mich schon absehbar, dass der ein oder andere den Weg in Richtung Europameisterschaft schaffen kann.
Und jetzt mit dem (neuen) Fazit der Trainingstage der letzten Tage, wie schätzen Sie die Stärke der bayerischen Jugend in diesem Jahr ein?
Auch in diesem Jahr sind einige sehr interessante Paare dabei. Auch im Vergleich zum vergangenen Jahr konnten sich einige Paare noch einmal enorm steigern. Es sind aber auch gleichzeitig jüngere, neue Paare dabei, die schon auf einem ganz guten Weg sind. Ich sage immer, Konkurrenz belebt das Geschäft. Also man merkt, dass untereinander die Konkurrenz schon da ist. Die Stimmung untereinander ist gut. Sie haben ein gutes Miteinander, sind sich aber auch der Konkurrenz bewusst. Das gibt dann so eine Eigendynamik, wodurch jeder wiederum versucht besser zu werden. Das gibt sehr viele positive Impulse. Ich denke, dass es dieses Jahr auch wieder ein sehr erfolgreiches Jahr geben wird. Bei den Children muss man mal gucken. Diese Altersklasse ist dieses Jahr etwas dünner besetzt. Im Bereich der Junioren und Jungen Reiter werden die Bayern auch im nationalen Vergleich mit Sicherheit ein gutes Wörtchen mitreden können.
Was haben Sie an den Trainingstagen mit den Jugendlichen alles gemacht? Was ist Ihnen im Training mit Nachwuchsreitern besonders wichtig?
Für mich ist es wichtig, dass die Jugendliche gutes Reiten, das feine Reiten lernen. Zudem sollen sie auch die theoretischen Hintergründe verstehen, damit sie als Reiter auch immer wissen, warum sie was machen. Ich versuche immer, dass sie auch zum eigenen Nachdenken angeregt werden und nachvollziehen können, wieso ein Fehler passiert ist. Am ersten Tag haben wir wirklich nur etwas gymnastiziert. Damit die Basics stimmen. Die hohe Bedeutung der Basics im alltäglichen Training sowie später für die Lektionen müssen die Nachwuchsreiter verstehen. Dann haben wir auch eine Theorieeinheit gemacht. Dort wurden die Jugendlichen in Gruppen eingeteilt und haben Themen erhalten. In den Gruppen mussten sie sich vorbereiten und das Thema in Referaten vorstellen. Das kam sehr gut an, zum einen als teambildende Maßnahme und dann auch informativ. Beispielsweise hatten wir das Thema „Zeitgeschichte des Dressursports“. Sie sollten verstehen, wie der Dressursport überhaupt entstanden ist und wie er sich entwickelt hat. Das theoretische Grundwissen ist mir wichtig, auch für das spätere Lektionsreiten. Nicht, dass sie auf ihre Pferde steigen und denken, hey mein Pferd ist doch ausgebildet, der macht das doch alles. Dann haben wir am Finaltag ein Aufgabenreiten gemacht, um ihnen klar zu machen, worauf in der Aufgabe Wert gelegt wird. Hier ist auch das korrekte Reiten von Hufschlagfiguren wichtig. Sie sollen schaffen, ihre Pferde in einer schönen Leichtigkeit vorzustellen.
Stichwort „Entwicklung des Dressursports“, blicken wir etwas allgemeiner auf den Dressursport. Was wird zukünftig die große Herausforderung sein?
Die große Herausforderung wird sein, dass wir versuchen müssen, unseren Dressursport wirklich positiv darzustellen. Wir müssen es schaffen zu vermitteln, wie viel Freude wir an den Pferden haben. Wir müssen zeigen, dass wir auch alles geben, damit es den Pferden wirklich gut geht. Zudem müssen wir verdeutlichen, dass unsere Ausbildung im Grunde auch zur Gesunderhaltung des Pferdes dient, das war auch der Ursprungsgedanke. Wir müssen unsere klassische Ausbildung nach wie vor nach den Prinzipien durchführen und das muss immer im Sinne der Pferde sein. Ich finde, dass das auch die jungen Leute immer beherzigen müssen. In diesem Zusammenhang sind auch gerade die Kaderreiter Vorbilder. Wir müssen sie dahin gehend ausbilden, dass sie den Fokus nicht verlieren. Bei allem sportlichen Erfolg, den wir uns wünschen und auch wollen, muss das Pferd immer im Mittelpunkt stehen. Darauf sollten auch die Trainer achten. Es muss stets mit den Möglichkeiten des Pferdes gearbeitet werden. Man darf nicht versuchen, mit einem Pferd, das vielleicht nicht die qualitativen Grundvoraussetzungen hat, was zu erreichen, was vielleicht gar nicht möglich ist. Insgesamt müssen wir die Freude, die wir mit den Pferden haben, zukünftig noch besser nach außen vermitteln, auch an Menschen, die dem Reitsport nicht so verbunden sind. Unser Ziel muss sein, mit dem Pferd eine Einheit zu bilden, so dass es auch für Laien harmonisch aussieht. Daran müssen wir alle zusammen ganz streng arbeiten, dass wir das hinbekommen!
Finden Sie in diesem Zusammenhang, dass die Schere zwischen Basis und Topsport immer weiter auseinander geht?
Aus einer breiten Basis entsteht ja dieser Topsport. Ich finde einfach, dass wir darauf achten müssen, dass der Zugang zu den ersten Reitturnieren nicht zu schwer wird. Diese Vielzahl an Reitabzeichen ist natürlich gut für die Motivation. Ich finde, dass es aber schon ein kleiner Dschungel ist. Auch der Zugang zu den Turnieren sollte etwas leichter gemacht werden. Wir dürfen uns nicht zu viele Regeln auferlegen, so dass gerade die im Schulsport oder in Schulpferdebetrieben auch die Möglichkeit haben, mit geringem Aufwand an Turnieren teilnehmen zu können. Um dann auch Lust zu bekommen, weiterzumachen. Wenn wir hier die Hürde schon zu hochlegen, wird es schwierig. Auch im Breitensport: Das Turnierreiten ist unheimlich teuer und aufwändig geworden. Ein ganz wichtiger Punkt ist auch, dass die Richter gerade in den A-und L-Prüfungen noch viel mehr Wert auf gutes Reiten legen sollten. Die Qualität des Pferdes darf nicht im alleinigen Mittelpunkt stehen. Das sehe ich leider immer wieder. Ich glaube, wenn das gewährleistet wird, dass dann auch viel Motivation kommen wird. Die Richter sollten auch viel transparenter und offener mit Kommentierung umgehen. Die Ritte kommentieren, damit die Außenstehenden auch verstehen, worauf Wert gelegt wird. Ich sage am Ende immer, dass das was die Richter gut bewerten, werden die Reiter zu Hause trainieren. Der Austausch sollte aber auch mal kritisch stattfinden dürfen. Man sollte sich trauen Dinge anzusprechen!
Und zum Abschluss: Was wünschen Sie sich für 2024?
Ich wünsche mir, dass der Reitsport auch in der Öffentlichkeit deutlich positiver wahrgenommen wird. Das, was zu Hause passiert, sollte mehr öffentlich gemacht werden. Gerade jetzt wenn wir die schlechte, negative Presse sehen. Wir dürfen bei dem Ganzen dennoch nicht den Gedanken am Positiven verlieren. Ich wünsche mir, dass wir nach wie vor Freude an unseren Pferden haben. Ich wünsche mir, dass wir den Dressursport so voranbringen, dass dieser auch in der Außenwirkung wirklich positiv gesehen wird. Unsere Freude am Dressursport sollen auch andere mit uns teilen können. (msb)