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BAYERNS PFERDE 14.01.2026
Hans Voser ist derzeit der einzige internationale Schweizer Dressurrichter. Neben großen Turnieren wie dem CHI Basel oder dem CHIO Aachen ist er auch regelmäßig in Bayern am Richtertisch im Einsatz. Im Rahmen des CHI Basel haben wir mit Hans Voser gesprochen. Im Interview berichtet er unter anderem über seine Motivation und die Entwicklung des Dressursports.
Sie betreiben in der Schweiz nach wie vor einen Dressurausbildungsstall. Wann und wie kam es dazu, dass Sie Richter werden wollen?
Ich habe im Alter von 17 oder 18 Jahren mit dem Reiten begonnen und relativ schnell gemerkt, dass ich diesen Sport intensiv betreiben möchte. 1992 hatte ich eine Lebensgefährtin, die mich zur Richtertätigkeit motiviert hat. Parallel zu meiner reiterlichen Laufbahn habe ich daher schon früh mit dem nationalen Richten begonnen. In der Schweiz ist es erlaubt, gleichzeitig zu reiten und zu richten, sodass ich beides über einen gewissen Zeitraum parallel ausüben konnte. National habe ich mich bis zur Grand-Prix-Ebene hochgearbeitet.
Wann haben Sie dann beschlossen, das eigene Turnierreiten zurückzustellen und sich ganz auf das Richten zu konzentrieren?
Diese Entscheidung fiel im Jahr 2016. Damals wurde ich vom nationalen Verband angefragt, ob ich Interesse an einer internationalen Richterlaufbahn hätte. Ab diesem Zeitpunkt war es aus zeitlichen Gründen nicht mehr möglich, beide Tätigkeiten miteinander zu vereinbaren.
Was begeistert sie grundsätzlich am Richten?
Zunächst einmal begeistert mich natürlich der Dressursport an sich. Als ich selbst mit dem Reiten begann, war es ganz selbstverständlich, dass Richter häufig kritisiert wurden. Reiter sind naturgemäß unzufrieden, wenn sie aus ihrer Sicht zu wenige Punkte erhalten, und zufrieden, wenn die Wertung hoch ausfällt. Was objektiv richtig ist, ist dabei nicht immer eindeutig. Ich habe mir damals gesagt: Wenn ich mitdiskutiere und Kritik äußere, dann möchte ich auch selbst gerichtet haben. Das war letztlich der ausschlaggebende Punkt, an dem ich beschlossen habe, Richter zu werden. Als Reiter hat man manchmal ein gutes, manchmal ein schlechteres Gefühl nach einem Ritt, doch dieses deckt sich nicht immer mit der vergebenen Note. Mir war wichtig, den Sport aus beiden Perspektiven zu verstehen und beurteilen zu können.
Worauf achten Sie bei einem Ritt als Erstes?
Unsere Beurteilung orientiert sich grundsätzlich an der Ausbildungsskala. Dabei spielen Losgelassenheit, Anlehnung, Schwung, Geraderichtung und Versammlung eine zentrale Rolle. Diese Kriterien hat man stets im Hinterkopf und sie bilden bei jeder Lektion die Grundlage für die Bewertung. Darüber hinaus ist das Gesamtkonzept entscheidend: Es sollte ein harmonischer Eindruck entstehen und das Gefühl vermittelt werden, dass das Pferd die Lektionen von sich aus ausführt. Am Ende muss immer das Gesamtbild betrachtet werden. Die Ausbildungsskala definiert letztlich auch den Rahmen, innerhalb dessen sich die Notengebung bewegt.
Was ist für Sie herausfordernder zu richten? Eine Weltcup-Kür oder eine nationale S-Dressur?
Beides bringt unterschiedliche Herausforderungen mit sich. Bei internationalen Turnieren wie etwa in Basel sieht man die weltbesten Reiter mit außergewöhnlichen Pferden, die über eine hohe Bewegungsqualität verfügen. Wenn diese Qualität in Harmonie präsentiert wird, muss ein Richter auch bereit sein, Noten im Bereich von 9 oder 10 zu vergeben. Das ist etwas, was man auf nationaler Ebene deutlich seltener sieht. Die Schwierigkeit im internationalen Bereich besteht darin, genau zu erkennen, wann solche hohen Bewertungen gerechtfertigt sind. Auf nationaler Ebene hingegen hat man häufig viele Paare auf einem ähnlichen Leistungsniveau, sodass es darauf ankommt, durch kleine Nuancen eine faire und stimmige Rangierung zu finden. Insofern sind beide Ebenen anspruchsvoll und interessant. Sie erfordern die gleiche Konzentration, wobei nationale Prüfungen mit oft über 30 Startern aufgrund ihrer Dauer teilweise sogar noch höhere Anforderungen an die Aufmerksamkeit stellen.
Wie hat sich der Dressursport in der Schweiz Ihrer Meinung nach in den letzten Jahren entwickelt?
In den 1980er- und 1990er-Jahren verfügte die Schweiz über viele Topreiter und gehörte gemeinsam mit Deutschland zu den führenden Nationen, die bei Championaten regelmäßig Medaillen gewinnen konnten. Danach wurde es etwas ruhiger. Nach dem Rücktritt von Frau Stückelberger gab es zwar einzelne erfolgreiche Reiter wie Silvia Iklé oder Christian Pläge, doch als Team war die Schweiz nicht mehr so stark vertreten. Später kam mit Marcela Krinke-Susmelj erneut eine Spitzenreiterin hinzu, allerdings ebenfalls eher als Einzelerscheinung. Irgendwann erkannte man, dass man an der Basis ansetzen muss: Es reicht nicht, nur einzelne Topreiter zu fördern, sondern der Nachwuchs muss systematisch aufgebaut werden. In den letzten Jahren wurde hier sehr gute Arbeit geleistet, und inzwischen zeigen sich die Ergebnisse. Auch Charlotta Rogerson stammt aus dem geförderten Nachwuchsbereich. Insgesamt befindet sich der Schweizer Dressursport aktuell wieder auf einem sehr guten Weg.
Der Reitsport steht immer wieder in der öffentlichen Diskussion. Wie sehr beeinflussen öffentliche Debatten und Social Media die Richtertätigkeit?
Grundsätzlich sind wohl die meisten Menschen heute auf Social Media präsent. Ich persönlich lasse mich davon in meiner Richtertätigkeit nicht beeinflussen. Dennoch ist es wichtig, aufmerksam zu bleiben, insbesondere wenn problematische oder unschöne Aufnahmen veröffentlicht werden. Solche Bilder hat es allerdings schon immer gegeben; früher fanden sie lediglich hinter verschlossenen Türen statt und gelangten nicht an die Öffentlichkeit. Heute ist alles sichtbarer geworden. Dennoch sollte man bei Veröffentlichungen stets sorgfältig prüfen, was gezeigt wird und in welchem Kontext.
Wie er die Verantwortung der Richter einschätzt und welche Ziele er anstrebt, lesen Sie in der nächsten BAYERNS PFERDE, die am 23.01.2026 erscheint.