„Harmonische Ritte sollten am Ende noch mehr honoriert werden!“
Es ist eine Tradition: Zu Jahresbeginn besucht Oliver Oelrich die bayerische Dressurjugend und gibt ihnen passend zum Saisonbeginn den letzten Feinschliff. Die Trainingseinheiten mit dem ehemaligen Honorartrainer für das Deutsche Olympische Komitee für Reiterei (DOKR), Trainer etlicher Medaillenträger bei Deutschen Meisterschaften und Europameisterschaften sowie aktuell Nationaltrainer der Schweizer Dressurreiter sind jedes Mal aufs Neue ein echtes Highlight. Und wie es die Tradition vermag, kennt Oliver Oelrich den bayerischen Nachwuchs mittlerweile sehr gut. Am vergangenen Wochenende war es auf Gut Ising mal wieder soweit und die bayerischen Dressurreiter trainierten mit Oliver Oelrich. Wir haben uns mit Oliver Oelrich über seine Eindrücke vom bayerischen Nachwuchs, seine Arbeit mit Nachwuchsreitern und den aktuellen Entwicklungen sowie Herausforderungen im Dressursport unterhalten.
Herr Oelrich, Sie besuchen den bayerischen Dressurnachwuchs jedes Jahr. Wie war Ihr Eindruck in diesem Jahr?
Wir hatten in diesem Jahr relativ viele neue Paare dabei. Insgesamt hatte ich einen äußerst positiven Eindruck. Besonders bei den Junioren gibt es viele vielversprechende Paare, die in dieser Saison mit noch mehr Routine schöne Erfolge erzielen können. Leider fehlte es an Childrenreitern. Das war schade. Es scheint sich aber im Moment durchzuziehen, dass hier eine Lücke entsteht. Der Lehrgang ist jedes Jahr eine Art Bestandsaufnahme. Wir schauen, was da ist und wo die Probleme sind. Ich glaube, dass wir das sehr gezielt erarbeitet haben. Jetzt müssen die Jugendlichen ihre Hausaufgaben machen.
Was haben Sie an den Trainingstagen mit den Jugendlichen alles gemacht? Was ist Ihnen im Training besonders wichtig?
Besonders wichtig ist, dass die Jugendlichen lernen ihre Pferde selbstständig zu gymnastizieren und zu trainieren. Sie sollten selbst eine Struktur bekommen, wie sie ihre Pferde gezielt auf die Prüfungen vorbereiten. Am Ende ist das exakte Reiten besonders wichtig. Am Wochenende haben wir viel Wert auf das genaue und korrekte Reiten der Hufschlagfiguren gelegt. Schlussendlich entsteht dann in den Aufgaben aus einer sicheren Basis der gewünschte Ausdruck. Die Nachwuchsreiter müssen es auch theoretisch verstehen. Sie sollen verstehen, warum wir bestimmte Lektionen oder Übungen machen und wie der Aufbau der Ausbildung eines Dressurpferdes aussieht.
Hat sich Ihrer Meinung nach im Training und dann auch in der Bewertung auf dem Turnier in den vergangenen Jahren etwas verändert? Hat sich der Fokus/der Grundgedanke im Dressursport verändert?
Es wird viel darüber gesprochen, dass die Harmonie mehr im Vordergrund stehen soll. Ich finde, dass man das auf den Turnieren noch deutlicher sehen sollte. Harmonische Ritte, wo man das Gefühl hat, dass das wirklich schönes Reiten ist, sollten am Ende noch mehr honoriert werden. Man hat immer noch das Gefühl, dass von den Richtern spektakulär aussehende Ritte höher bewertet werden. Ich finde schon, dass so langsam ein kleines Umdenken stattfindet. Man merkt, dass die Richter auch öfters darüber sprechen. Dennoch wünsche ich mir, dass das auch in der Notengebung noch deutlicher wiederzufinden ist. Die Skala der Ausbildung, die in den Aufgaben auch abgefragt wird, sollte von den Richtern in der Bewertung noch mehr herausgearbeitet werden. Es sollte sich mehr auszahlen, wenn die Pferde harmonisch und zufrieden vorgestellt werden.
Machen Sie sich Sorgen um den Dressursport? Was werden in diesem Jahr die Herausforderungen sein?
Die Herausforderungen sind, dass wir nach Außen die Freude an unserem Sport vermitteln müssen. Wir müssen auch gezielt zeigen, was wir mit den Pferden machen, wie wir sie trainieren und ausbilden. Wir sollten uns nicht zu viel von Social Media lenken lassen. Vielmehr sollten wir unsere Prinzipien weiterfortführen. Ich finde, dass das Reiten in den letzten Jahren so viel besser geworden ist. Ich bin viel auf internationalen Turnieren, auch auf den Abreiteplätzen. Hier sieht man zu über 90 Prozent wirklich schönes Reiten. Die Pferde sind auch nochmal anders geworden. Sie gehen die schweren Lektionen noch leichter. Ich glaube, dass wir grundsätzlich auf dem richtigen Weg sind. Wichtig ist, dass wir das nach außen den Leuten aktiv zeigen und auch sagen. Wir sollten nicht immer nur darauf warten, was irgendwo geschrieben wird, darauf reagieren und dann eine Abwehrhaltung einnehmen. Wir sollten aktiv nach außen tragen, wie wir mit unseren Pferden umgehen und dass wir das mit unserem Partner Pferd gemeinsam machen. Wenn wir das alles so nach außen transportieren, dann mache ich mir um den Dressursport keine großen Sorgen.
Beziehen wir uns noch einmal speziell auf die Nachwuchsreiter. Welchen Tipp würden Sie jedem Nachwuchsreiter gerne mit auf seinen Weg geben?
Wenn wir ganz unten anfangen, dann ist erst einmal die Basis wichtig. Die Nachwuchsreiter müssen lernen ihre Pferde zu spüren. Auf dem Weg in die höheren Klassen sollten sie immer daran denken, dass das Fundament gut sein muss. Oft sehe ich, dass hochausgebildete Pferde eingekauft werden. Die Kinder reiten dann die Lektionen, haben aber im Grunde viel zu wenig an der Basis gearbeitet und Erfahrung gesammelt. Das an der Basis arbeiten und trainieren sollte immer im Vordergrund stehen. Das ist mir in der Arbeit mit Nachwuchsreitern unheimlich wichtig. Wir wollen junge Menschen an den Sport heranführen, die später auch in der Lage sein sollten ein Pferd selbst auszubilden.