CHIO Aachen: Werth und Wendy mit 89 Prozent in der Kür zum Olympia-Ticket
Aachen ist nicht nur die letzte offizielle Sichtung vor den Olympischen Spielen, in Aachen am Viereck sitzen auch jene Richter, die in Paris die Wertnoten vergeben werden. Mit diesem Wissen hatte nach der heutigen Vorstellung in der Grand Prix Kür des CDIO5* beim CHIO Aachen von Isabell Werth und Wendy de Fontaine keiner mehr Zweifel daran, dass sie ihr Ticket für Paris erhalten. Und tatsächlich kam direkt nach der Prüfung die Nachricht, dass Isabell Werth und Wendy vom DOSB nominiert sind. Doch zur Kür: Einritt zu den Klängen des Hits Mandy von Barry Manilow, der für die Kür zu „Oh Wendy“ geändert wurde. Weiter ging es zu Stumblin‘ In von Suzi Quatro. „Our love is alive“, das war deutlich sichtbar heute bei Isabell Werth und Wendy. Die 54-Jährige zelebrierte ihre Kür mit der zehnjährigen Sezuan-Tochter. Piaffen wie ein Metronom, die Anlehnung stets mit der Nase vor der Senkrechten, Wendy mit gespitzten Ohren hochkonzentriert bei ihrer Reiterin. In der Kiss and Cry Corner wippte Trainer Götz Brinkmann im Takt, Christian Lindner fieberte als Begleiter seiner Frau und Werths Social Media Expertin Franca Lehfeldt ebenso mit wie Madeleine Winter-Schulze, Bundestrainerin Monica Theodorescu und Co-Trainer Jonny Hilberath. Die Galopptour war dann zu Oh Wendy angelegt, der Auftakt mit gut eingeteilten Zick-Zack-Traversalen. Die Galopp-Pirouette nach links entlockte den Richtern dreimal die 9,0, darauffolgend neun gut gesprungene Zweierwechsel. Auch die insgesamt 17 Einerwechsel gelangen gut, teilweise sind die Serienwechsel noch etwas kurz gesprungen. Auch der starke Trab könnte noch etwas mehr von hinten durch den Körper geritten sein, zwischen 7,5 und 8,0 gab es dafür. Zwischendurch gab es kurz ein aufmunterndes Lob von Werth, auch zu Beginn der letzten Piaffe-Passage-Linie klopfte sie ihre Stute kurz am Hals. Wendy ließ auch in der Piaffe-Pirouette zum Schluss der Kür keinen Zweifel aufkommen, dass sie für ihre Reiterin alles gibt. Da klatschte und jubelte das Publikum bereits im Takt der Musik, Isabell Werth schüttelte kurz ungläubig den Kopf, als könne sie selbst noch nicht glauben, was ihre Stute da gerade für eine Leistung zeigte. 89,095 Prozent standen am Ende auf der Tafel, 36-mal die 10,0, unter anderem für Harmonie, Choreographie und musikalische Interpretation. Dafür gab es erst eine feste Umarmung von der Bundestrainerin und dann von Götz Brinkmann.
„Ich habe das Gefühl, Wendy und ich sind langsam zuhause“, sagte Isabell Werth über ihre Stute. Sie haben sich erst kennenlernen müssen, doch nun wisse sie, wie sich die Rappstute am wohlsten fühlt. Ganz wichtig: Äpfel mag Wendy überhaupt nicht, stattdessen möchte sie lieber Bananen.
„Das war auch für mich unglaublich. Heute war unser Tag. Wir wachsen immer mehr zusammen. Wendy war wirklich total cool, obwohl es so laut wurde. Sie sagt einfach:,Sag mir, was ich machen soll‘, und dann macht sie es. Ich war schon so oft dort drin. Aber heute war der beste aller Tage. Es ist eine Freude, hier zu sein“, so Isabell Werth in der Pressekonferenz.
Frederic Wandres und Bluetooth für Paris nominiert
Platz zwei ging mit 83,010 Prozent an Frederic Wandres und Bluetooth. Gestern noch hatte Isabell Werth ihn mit einem strengen „Reiß dich zusammen!“ aus seinem mentalen Tief geholt, heute habe sich alles schon etwas leichter angefühlt, so Wandres. Mit seiner Prüfung war er zufrieden: „Ich hatte keine technischen Fehler, lediglich im Schritt kam etwas Spannung auf und in der B-Note ist noch Luft nach oben. Wir waren an der einen oder anderen Stelle etwas hinter der Musik.“ Was Bluetooth angeht, was er sehr zufrieden: „Wir sind am Montag gekommen und heute am Sonntag fühlte er sich noch genauso frisch und gut an, wie am Montag.“ Mit seinem zweiten Grand Prix-Pferd Duke of Britain hatte Wandres am Tag zuvor Fehler in der Prüfung, dies hatte er im Geist mit auf Bluetooth genommen. „Da habe ich ein bisschen das Selbstvertrauen verloren“, gestand er. Auf für ihn ist der Druck in Aachen groß: „Es ging nicht nur darum, die Richter hier zu überzeugen, sondern auch den Dressurausschuss, der das Team für Olympia zusammenstellt“, erklärte er. Nun kann Wandres kurz aufatmen, bevor mit Paris die nächste mentale Herausforderung ansteht. Denn auch er wurde im Anschluss an die Kür mit Bluetooth nominiert.
Ingrid Klimke und Franziskus sind Reservepaar
Ingrid Klimke und Franziskus wurden mit 81,385 Prozent Dritte. Gleich zu Beginn ihrer Kür zu den spanischen Despacito-Klängen sieht ihre Choreografie einen Starken Trab vor, die große Stärke von „Franz“. Leider unterlief ihm gleich hier ein Taktfehler. „Ich habe vielleicht ein bisschen zu viel riskiert und zu viel Druck gemacht. Danach bin ich es dann vorsichtig angegangen“, analysierte Klimke die Situation. Dadurch wirkte die Vorstellung etwas verhalten. Kleinigkeiten schlichen sich ein wie kleine Taktstörungen im starken Trab und im Galopp auf der Mittellinie, als Franz einmal anhalten wollte.
Dennoch sei sie glücklich, heute dabei gewesen zu sein. „Das war das erste Mal, dass ich hier die Kür am Sonntagmorgen geritten bin. Die Atmosphäre ist unglaublich! Schon auf dem Abreiteplatz hört man die Zuschauer und wenn man dann unter der Brücke her ins Stadion einreitet, das ist ein ganz besonderer Moment.“ Und dann erst der Moment, wenn man zum letzten Gruß aufmarschiert ist: „Aachen ist einfach einzigartig. Das Publikum ist so fachkundig. Sie wissen, was sie sehen und was sie wollen.“ Ingrid Klimke und Franziskus wurden nach der Prüfung vom DOSB als Reservepaar für Paris nominiert.
Damit werden die zuvor bereits für das Team gesetzte Jessica von Bredow-Werndl mit Dalera, Isabell Werth mit Wendy de Fontaine und Frederic Wandres mit Bluetooth in Paris die deutschen Farben vertreten.