Basel: Große Schweizer Emotionen
Erste Dressur-Weltcup-Qualifikation des Jahres, ein Sieg und die ersten Weltcup-Punkte der Saison für Isabell Werth sowie ein in der Breite etwas schwach besetztes Starterfeld – die sechste Weltcup-Qualifikation ist entschieden, wobei es ein Tag für die Geschichtsbücher war.
Vor Motivation gestrotzt
Es war wenig verwunderlich: Isabell Werth und ihre EM-Partnerin Wendy de Fontaine spielten, wie schon im Grand Prix von Basel, auch in der Weltcup-Kür in einer eigenen Liga. Ein kinderleichter Sieg? Teilweise. Schon nach dem Grand Prix hatte die Dressurqueen an das hochmotivierte Veranstalterteam nur einen Wunsch. „Bitte den Wind ausschalten“, erläuterte Isabell Werth lachend und fügte hinzu: „Es ist toll zu sehen, wie sich die Dressur hier in Basel entwickelt hat. Vor drei Jahren durften wir Dressurreiter erstmals in Basel starten. Damals noch eher als Randprogramm. Mittlerweile sind wir hier fest etabliert und genießen allerbeste Organisation und tolle Stimmung. Wir Reiter sind hier wunschlos glücklich. Wendy war gestern im Abreitezelt mit der durch den Wind etwas lauter schlagenden Plane on fire. Sie hatte sich dann in der Prüfung immer mehr gefangen. Heute war sie deutlich fokussierter. Ich bin sehr zufrieden.“ Damit traf es Isabell Werth auf den Punkt. Die zwölfjährige Sezuan-Tochter präsentierte sich heute etwas entspannter, wenn auch noch nicht optimal losgelassen. Ein absolutes Highlight bildeten einmal mehr die Piaffen und Passagen. Taktsicher, sehr aktiv abfußend und die Piaffen optimal auf der Stelle platziert, besser geht’s kaum. Punkte gab’s auch in den kleinsten Galopppirouetten. Doch die schon angesprochene nicht ganz optimale Losgelassenheit, gar Übermotivation von Wendy, führte zu einigen Abstrichen. Beispielsweise zeigten sich die Trabverstärkungen etwas eilig und die Serienwechsel gelangen nicht optimal ausbalanciert. In den Einerwechseln zeigte sich eine Unterbrechung. Teure Fehler und dennoch sicherten sich die beiden (verdient) den Sieg mit 86,1 Prozent. Nach einer privaten Turnierpause bedeuten der Sieg in Basel die ersten Weltcup-Punkte der Saison, wobei sie nun im Weltcup-Geschehen angreifen möchte. Hierfür setzt sie voll und ganz auf Quantaz, während mit Wendy de Fontaine der Fokus auf den bevorstehenden Weltmeisterschaften in Aachen liegt.
Schweizer Gänsehautmoment
Das Gastgeberland erlebte in der Weltcup-Kür einen echten Moment für die Geschichtsbücher. Charlotta Rogerson reihte sich mit Bonheur de la Vie auf Platz zwei ein. Das ist nicht nur das beste Schweizer Dressurergebnis seit etlichen Jahren. Nein, das Ergebnis von 81,2 Prozent markiert auch ein neues Rekordergebnis für das Land, das eher im Springsport bekannt ist. Die Kür von Charlotta Rogerson mit dem Bordeaux-Nachkommen zeichnete sich besonders durch zwei Eigenschaften aus: beste Harmonie und hohe Selbstsicherheit. Die gut abdrückenden und gleichmäßigen Passagen bildeten ein Highlight, genauso wie die gut ins Bergauf gesprungenen Serienwechsel auf gebogener Linie. Demgegenüber müsste sich der 14-jährige Wallach in den Piaffen noch besser schließen und auch in den Galopppirouetten könnte der Durchsprung noch besser sein. „Ich habe das noch gar nicht realisiert. Ich bin überglücklich und sehr dankbar, solch ein Pferd reiten zu dürfen. Ich muss mich wirklich selbst kneifen. Nun sitze ich hier als Zweite der Weltcup-Kür hinter meinem Kindheitsidol Isabell Werth. Das ist unglaublich!“, freute sich die Schweizerin.
Schüchterne Zukunftshoffnung
Einer, der ebenso mit dem Strahlen nicht aufhören konnte, war Raphael Netz. Der Bayer setzte in Basel seinen 13-jährigen Wallach DSP Dieudonné zum zweiten Mal in einer Weltcup-Qualifikation ein. Während sich der Dante-Weltino-Nachkomme beim ersten Weltcup-Einsatz in Lyon noch sehr heiß und schüchtern präsentiert hatte, nahm er in Basel sein „Hasenherz“ in die Hand und verdeutlichte sein großes Potenzial. „Er weiß noch gar nicht, wie toll er eigentlich ist. Ich bin sehr happy, wie konzentriert er heute war. Wir haben die Kür beide genossen. Ich genieße jeden Ritt mit ihm“, erläuterte Raphael Netz. Dieudonné kommt mit seinem Körper immer besser „zurecht“. So drückt er die Kruppe schon viel weniger nach oben, was sich in guten Piaffen und Passagen verdeutlichte. Auch die Galopppirouetten gelangen gut zentriert, wenn auch die rechte Galopppirouette einen noch besseren Durchsprung aufweisen hätte dürfen. Alles in allem deuteten die 80,7 Prozent von Basel fast schon nur an, wo die Reise der beiden hingehen könnte. Ein schöner Fakt am Rande: Raphael Netz führte das Gesamtranking nach sechs Qualifikationen weiterhin an. Hinter Netz folgte ein ebenso interessantes Paar, die Luxemburgerin Dominique Filion mit ihrem sympathischen Wallach The Boss (76,7 Prozent). Svenja Kämper-Meyer komplettierte mit Amanyara M FRH und Rang fünf (76,4 Prozent) das geschlossene und gute Ergebnis der deutschen Reiter.
Wir haben uns mit Raphael Netz nach der Weltcup-Kür unterhalten. Hier gelangen Sie direkt zum Video.